Mit diesem Artikel greige ich etwas vor und gebe ich Dir einen Überblick über die gebräuchlichsten Bluesformen. Hier kannst Du die bereits gelernten Pentatoniken erstmalig ausprobieren.

Eine vollständige Liste kann das natürlich nicht sein – ich habe mich auf die wichtigsten Formen beschränkt. Wenn Du eine Form vermisst, schreib mir einfach eine Mail, ich ergänze sie dann.

Die meisten Beispiele sind in C-Dur notiert. Unterhalb der Zeilen findest Du jeweils die Stufen angegeben.

Die 12-taktige Bluesform: die Grundformen

12 Takte Bluesform „slow change“

Meiner Meinung nach die am häufigsten verwendete Bluesform. Im 12. Takt wechselst Du auf die 5. Stufe – dieser Wechsel wird Turnaround genannt.

Zwölftaktiges Bluesschema in C: C7 über vier Takte, F7–F7–C7–C7, dann G7–F7–C7–G7, mit den Stufenbezeichnungen I, IV und V
12 Takte Bluesform „slow change“

12 Takte Bluesform ohne Turnaround

Das ist eigentlich die ursprüngliche Bluesform. Ich bringe sie trotzdem erst an zweiter Stelle, weil sie mir in der Praxis seltener begegnet. Der Turnaround wird hier nicht gespielt – die 1. Stufe steht dadurch (nach dem ersten Durchgang) 6 Takte am Stück. Gerade am Anfang fällt es hier oft schwer, die Form zu halten.

Zwölftaktiges Bluesschema in C ohne Turnaround: C7 über vier Takte, F7–F7–C7–C7, dann G7–F7–C7–C7, mit den Stufenbezeichnungen I, IV und V
12 Takte Bluesform ohne Turnaround

12 Takte Bluesform „quick change“ mit Turnaround

Hier wechselst Du bereits im zweiten Takt auf die 4. Stufe. Das bringt mehr harmonische Bewegung in die Form. Auch diese Variante gehört zu den am häufigsten gespielten Bluesformen.

Zwölftaktiges Bluesschema in C mit Quick Change: C7–F7–C7–C7, dann F7–F7–C7–C7 und G7–F7–C7–G7, mit den Stufenbezeichnungen I, IV und V
12 Takte Bluesform „quick change“ mit Turnaround

12 Takte Bluesform „quick change“ mit Erweiterung der 4. Stufe

In dieser Form wird die 4. Stufe im 6. Takt um einen Halbton erhöht. Gespielt wird ein vollverminderter Akkord. Das sorgt für zusätzliche harmonische Abwechslung.

Zwölftaktiges Bluesschema in C mit Quick Change und vermindertem Akkord: C7–F7–C7–C7, dann F7–F#°7–C7–C7 und G7–F7–C7–G7, mit den Stufenbezeichnungen I, IV, #IV und V
12 Takte Bluesform „quick change“ mit Erweiterung der 4. Stufe

„Stormy Monday Blues“: die getragene Sonderform

Eine ganz besondere Bluesform: Sie wird sehr langsam und getragen gespielt. Charakteristisch sind die halbtaktige Erhöhung im 3. Takt und die ungewöhnliche Akkordfolge im 7. und 8. Takt. Der Ab7 lässt sich noch als Tritonus-Substitution der V. Stufe deuten. Der Bb7 ist dagegen völlig tonartfremd – klingt aber extrem cool.

Gespielt wird die Form meistens in G-Dur, gelegentlich in A-Dur. Ich habe sie in G aufgeschrieben.

Bluesschema Stormy Monday in G: G7–C7–G7/Ab7–G7, dann C7–C7–G7/A-7–B-7/Bb7 und A-7–D7–G7/C7–G7/D7, mit den Stufenbezeichnungen I bis V
Stormy Monday Blues

Jazz-Blues: Bluesformen mit II-V-I-Kadenzen

12 Takte Jazz-Blues

Was den Jazz auszeichnet, sind die II-V-I-Kadenzen – und genau die werden im Jazzblues eingebaut (siehe auch Die erweiterte Kadenz). So entsteht eine harmonisch bewegte Form, die von der Folge fallender Quinten lebt. Gespielt wird sie als Swing bis hin zum Uptempo-Bebop.

Zwölftaktiger Jazz-Blues in C: C7–F7–C7–C7, dann F7–F#°7–C7–A-7 und D-7–G7–C7/A-7–D-7/G7, mit den Stufenbezeichnungen I bis VI
12 Takte Jazz-Blues

Erweiterte Jazz-Blues-Form „Au Privave“

Diese Bluesform ist von Charlie Parker geprägt. Hier werden II-V-Kadenzen intensiv eingesetzt, gespielt wird als Uptempo-Swing oder Bebop. Notiert habe ich sie in F – wie im Original von Charlie Parker.

Erweiterte Jazz-Blues-Form Au Privave in F: F7 – G-7/C7 – F/G-7 – C-7/F7(#5), dann Bb7(b9) – Bb-7/Eb7 – F/G-7 – A-7/D7 und G-7 – G-7/C7 – F/D7(b9) – G-7/C7
Erweiterte Jazz-Blues Form „Au Privave“

Charlie Parkers Major-Blues „Blues for Alice“

Diese Form darf in der Sammlung natürlich nicht fehlen. Das Besondere: Es ist ein „Major-Blues“ – der erste Akkord ist kein Dominantseptakkord, sondern ein Major-7-Akkord. Hier wird so ziemlich jeder Akkord ersetzt, umgedeutet und durch eine II-V-Kadenz aufgefüllt. Die I. Stufe wird nicht mehr gespielt, stattdessen reiht sich gleich die nächste II-V-Kadenz an. Die harmonische Deutung spare ich mir. Diese Form ist definitiv als Bebop (~200 bpm) zu spielen und harmonisch sehr anspruchsvoll. Charlie Parker eben. Notiert in F, wie der Original-Tune.

Major-Blues Blues for Alice in F: FΔ7 – E-7(b5)/A7(b9) – D-7/G7 – C-7/F7, dann Bb7 – Bb-7/Eb7 – A-7/D7 – Ab-7/Db7 und G-7 – C7 – F/D-7 – G-7/C7
Charlie Parker Major-Blues „Blues for Alice“

8-taktige Bluesformen

Die 8-taktige Grundform

Ein Blues muss nicht immer 12 Takte haben. Es gibt auch eine 8-taktige Form – im Prinzip ein verkürztes 12-Takte-Schema.

Achttaktige Bluesform in C: C7–C7–F7–C7, dann G7–F7–C7–G7, mit den Stufenbezeichnungen I, IV und V
8-taktige Bluesform

„Mary had a little lamb“-Blues

Eine besondere 8-taktige Bluesform: Sie beginnt auf der VI. Stufe und hat – wichtig! – keinen Turnaround. Sie spielt sich sehr schön und wird meist im R&R-Stil gespielt.

Achttaktiges Bluesschema in C: F7–F7–C7–C7, dann G7–F7–C7–C7, mit den Stufenbezeichnungen I, IV und V
„Mary had a little lamb“-Blues

Welche Bluesform fehlt Dir noch?

Diese Sammlung lebt von Ergänzungen. Wenn Du eine Bluesform kennst, die hier noch fehlt, schreib mir – ich nehme sie gerne mit auf.