Neben den Bluesformen in Dur hat sich eine zweite große Familie von Bluesformen etabliert: der Moll-Blues. Er behält die vertraute 12-taktige Architektur bei, tauscht aber die Dominantseptakkorde der I. und IV. Stufe gegen Mollseptakkorde aus. Dadurch klingt der Moll-Blues dunkler und getragener – von B.B. Kings „The Thrill Is Gone“ über John Coltranes „Mr. P.C.“ bis zu Santanas „Black Magic Woman“ reicht sein Repertoire. In diesem Workshop lernst Du die gängigen Moll-Bluesformen anhand der Originalsongs kennen, jeweils mit den Akkorden und darunter der Stufenanalyse.
Die 12-taktige Moll-Blues-Grundform
Die Grundform entspricht im Ablauf exakt dem Dur-Blues: vier Takte Tonika, zwei Takte Subdominante, zwei Takte Tonika, dann die Kadenz und der Turnaround. In Moll stehen auf der I. und IV. Stufe jedoch Mollseptakkorde (i7 und iv7). Die V. Stufe bleibt in den meisten Stücken ein Dominantseptakkord – in a-Moll also E7 –, denn sein Leitton gis zieht kraftvoll zur Tonika zurück. Er stammt aus dem harmonischen Moll. In modaleren oder älteren Stücken triffst Du stattdessen gelegentlich auf die Moll-Dominante v7 (Em7), die deutlich weicher klingt.
Wie im Dur-Blues kannst Du den letzten Takt als Turnaround mit der Dominante spielen (E7), um wieder in den nächsten Chorus zu führen. Beim Schlusschorus bleibt der Takt einfach auf der Tonika stehen. Zum Solieren eignet sich die a-Moll-Pentatonik bzw. die Bluestonleiter über die komplette Form – über den E7 lohnt sich zusätzlich ein Griff zum harmonischen Moll.
Der Standard-Moll-Blues: „The Thrill Is Gone“
Die wohl bekannteste Variante des Moll-Blues verdanken wir B.B. King. „The Thrill Is Gone“ – 1951 von Roy Hawkins geschrieben, 1969 in B.B. Kings Version zum Welterfolg geworden – steht in h-Moll und ersetzt in den Takten 9 und 10 die Wendung V7–iv7 durch einen chromatischen Abstieg: Auf den Majorseptakkord der VI. Stufe (bVImaj7, hier Gmaj7) folgt einen Halbton tiefer die Dominante F#7. Diese Verbindung bVImaj7–V7 ist zum Erkennungszeichen des modernen Moll-Blues geworden.
Beachte, dass die ersten acht Takte vollständig diatonisch im natürlichen h-Moll bleiben. Erst der F#7 bringt mit dem Leitton ais Spannung von außen hinein – ein schönes Beispiel dafür, wie sparsam eingesetzte Dominantspannung wirkt.
Jazz-Moll-Blues I: „Mr. P.C.“
Im Jazz ist der Moll-Blues fester Bestandteil des Repertoires. John Coltranes „Mr. P.C.“ (1959, benannt nach dem Bassisten Paul Chambers) ist das Standardbeispiel: c-Moll, zwölf Takte, und in den Takten 9 und 10 die Wendung bVI7–V7 – hier Ab7 nach G7. Anders als in „The Thrill Is Gone“ ist die VI. Stufe also ein Dominantseptakkord. Der G7 wird auf Sessions gern mit erhöhter None (G7#9) gespielt, was den bluesigen Charakter noch verstärkt.
Jazz-Moll-Blues II: „Equinox“
Ebenfalls von Coltrane stammt „Equinox“ (aufgenommen 1960), ein getragener Moll-Blues in cis-Moll. Die Form ist mit „Mr. P.C.“ identisch, nur einen Halbton höher: Auf die VI. Stufe A7 folgt die Dominante G#7. Auf der Originalaufnahme spielt das Klavier die Akkorde mit zusätzlichen Erweiterungen – als Gerüst genügt aber das folgende Schema.
Jazz-Moll-Blues III: die Form mit Moll-II-V
Statt der Wendung bVI7–V7 setzen viele Jazzmusiker in den Takten 9 und 10 die Moll-II-V-Verbindung ein: den halbverminderten Akkord der II. Stufe (iiø7) und die Dominante mit kleiner None (V7b9). Beide Akkorde stammen aus dem harmonischen Moll und bilden die typische Kadenz des Moll-Jazz. Im letzten Takt sorgt dieselbe Verbindung als Turnaround für den Anschluss an den nächsten Chorus.
In der Praxis werden beide Varianten frei gemischt: Takt 9 als Dm7b5 und Takt 10 als G7b9 kannst Du jederzeit gegen Ab7–G7 austauschen – die Basslinie as–g bzw. d–g führt in beiden Fällen überzeugend zur Tonika.
Moll-Blues im Rock: „Black Magic Woman“
Dass der Moll-Blues auch im Rock zuhause ist, zeigt „Black Magic Woman“. Geschrieben hat den Song Peter Green für Fleetwood Mac (1968), weltberühmt wurde er in der Latin-Rock-Version von Santana (1970). Die zwölf Takte in d-Moll stellen die gewohnte Reihenfolge auf den Kopf: Erst kommt die V. Stufe, dann die Subdominante. Dabei erscheint die Quintstufe zunächst als weicher Mollakkord (Am7); erst im 10. Takt schärft die echte Dominante A7 die Rückkehr zur Tonika.
Die 8-taktige Moll-Bluesform
Wie in Dur existiert auch in Moll eine verkürzte, 8-taktige Form. Ihr berühmtester Vertreter ist der Jazz- und Folk-Klassiker „St. James Infirmary“, den unter anderem Louis Armstrong und Cab Calloway aufgenommen haben. Die Grundgestalt in d-Moll pendelt zwischen Tonika und Subdominante und setzt die Dominante an die Phrasenenden. Da der Song seit Jahrzehnten in unzähligen Versionen kursiert, begegnen Dir viele Varianten: etwa B♭7–A7 als chromatischer Abstieg im Schlussbereich oder D7 als Zwischendominante, die zur Subdominante Gm führt.
Verwandte moll-geprägte Kurzformen findest Du auch außerhalb des Blues im engeren Sinn: Bill Withers' „Ain't No Sunshine“ etwa kreist als modaler Vamp um die Molltonika, ohne dem Bluesschema zu folgen – die Grenze zwischen Moll-Blues und Moll-Groove ist fließend.
Zusammenfassung
Alle Moll-Bluesformen teilen sich das Fundament aus Molltonika (i7) und Mollsubdominante (iv7). Ihren individuellen Charakter gewinnen sie in den Takten 9 und 10: als schlichte Kadenz V7–iv7, als chromatischer Abstieg bVImaj7–V7 („The Thrill Is Gone“), als bVI7–V7 („Mr. P.C.“, „Equinox“), als Moll-II-V (iiø7–V7b9) oder mit umgekehrter Stufenfolge wie in „Black Magic Woman“. Zum Solieren trägt die Moll-Pentatonik bzw. Bluestonleiter der Grundtonart durch die gesamte Form; über der Dominante lohnt der Wechsel ins harmonische Moll. Probiere die Formen am besten der Reihe nach aus – am eindrucksvollsten wirkt der Unterschied, wenn Du dieselbe Melodielinie einmal über die Dur- und einmal über die Moll-Form spielst.