Sicher hast Du schon von den Moll-Tonarten gehört. Die Begriffe Dur und Moll bezeichnen das Tongeschlecht und beschreiben den Klangcharakter – gemeint sein muß dabei nicht zwingend eine Tonart. Dreiklänge, Vierklänge und verschiedene Tonleitern in Moll hast Du ja bereits kennengelernt. In diesem Artikel geht es aber nur um das natürliche Moll.
Dur und Moll am Klangcharakter unterscheiden
Das einfachste Unterscheidungskriterium zwischen Dur- und Moll-Tonarten ist der Klangcharakter, denn der ist hörbar. Eine Dur-Tonart klingt fröhlicher und klanglich hart. Das natürliche Moll hingegen klingt etwas bedrückt und weich.
Wie das natürliche Moll gebildet wird
Das natürliche Moll entsteht, indem Du die Töne der Dur-Tonleiter ab der sechsten Stufe verwendest – also vom Grundton der Dur-Tonleiter eine kleine Terz abwärts. So ergibt sich als charakteristisches Intervall die kleine Terz (zwischen 1. und 3. Ton), die für den Moll-Charakter verantwortlich ist. Das natürliche Moll, auch reines Moll genannt, entspricht der Kirchentonleiter Äolisch (siehe Die Kirchentonleitern).
Die a-Moll-Tonleiter als Beispiel
Am Beispiel C-Dur wäre die parallele Moll-Tonart a-Moll. a-Moll besitzt, genau wie C-Dur, kein Vorzeichen. Beginnen wir die Stammtonreihe beim A, ergibt sich für die a-Moll-Tonleiter folgende Tonfolge:
A - H - C - D - E - F - G - A
In Noten:
Die Halbtonschritte liegen zwischen dem 2. und 3. Ton sowie zwischen dem 5. und 6. Ton. Zur Erinnerung: Bei der Dur-Tonleiter liegen die Halbtonschritte zwischen 3./4. und 7./8. Ton.
Nach diesem Schema lassen sich alle parallelen Moll-Tonleitern zu den Dur-Tonleitern aufbauen.
Parallel-Tonarten: Dur-Parallele und Moll-Parallele
Aus den Tonleitern ergeben sich dann die Vorzeichen für die Tonart – das ist Dir ja alles schon von den Dur-Tonleitern bekannt. Wir haben also zwei Tonarten mit den gleichen Vorzeichen, einmal Dur, einmal Moll. Diese nennt man Parallel-Tonarten.
Beispiel: a-Moll ist die Moll-Parallele zu C-Dur, C-Dur ist die Dur-Parallele zu a-Moll.
Dur oder Moll? Der tonale Bezug entscheidet
Was unterscheidet die beiden Tonarten nun voneinander? Schließlich bestehen sie aus exakt dem gleichen Tonmaterial. Nun, es ist der Ausgangspunkt. Hören wir die Tonfolge vom C aus, hören wir Dur. Ist A der Ausgangston, hören wir Moll. Komisch, nicht? Wie schon erwähnt, ist daran die Terz der Tonleiter schuld: Ist sie groß wie C - E, hören wir Dur; ist sie klein wie A - C, hören wir Moll. Daher auch die Begriffe Moll-Terz und Dur-Terz (die Erklärung war ich Dir ja schon lange schuldig).
Es ist also immer eine Frage des Bezugssystems, genauer gesagt des tonalen Bezugs. Bei geschriebenen Noten läßt sich allerdings nicht immer so einfach feststellen, ob ein Song in Dur oder Moll notiert ist. Es hilft der Blick auf den Schlußakkord, denn der ist häufig die Tonika. Ist das nicht der Fall, bleibt nur, den Gesamtzusammenhang der einzelnen Akkorde zu analysieren. In der Regel lassen sich Kadenzen erkennen, die dann auf Dur oder Moll hindeuten.
Warum ausgerechnet Äolisch das natürliche Moll ist
Ich möchte noch auf die Frage eingehen, warum ausgerechnet die äolische Kirchentonleiter als parallele Moll-Tonart auserkoren wurde. Schließlich gibt es unter den Kirchentonleitern weitere Skalen mit einer Moll-Terz, die ebenfalls gute Anwärter wären. Platt gesagt: Es hat sich historisch so entwickelt. Aber es gibt auch gute Gründe dafür.
An jeder anderen Kirchentonleiter gibt es nämlich, mehr oder weniger, eine Kleinigkeit auszusetzen:
- Lokrisch kommt gar nicht in Frage – durch die verminderte Quinte gehört es ins Reich der halbverminderten Skalen.
- Phrygisch wäre schon besser, allerdings stört die kleine Sekunde, die den prägnanten Halbtonschritt zwischen 2. und 3. Ton einen Ton nach unten verschiebt.
- Dorisch ist an sich ganz ok und zum Improvisieren bestens geeignet. Hier stört jedoch die große Sexte, die der Tonleiter einen Hauch Dur verleiht.
And the winner is: die äolische Tonleiter. Hier paßt alles bestens. Die reinen Intervalle Quarte und Quinte sind da, alle anderen Intervalle sind klein und klingen schön nach Moll. Deshalb wird das äolische Moll auch natürliches Moll oder reines Moll genannt.
Das natürliche Moll ist eine wunderschöne Tonart, es lohnt sich wirklich, sie näher anzusehen. Probier's am Instrument aus, es macht Spaß!